Brahms and his Contemporaries Vol. I - Johannes Brahms, Alexander Zemlinsky, Robert Fuchs ‘Brahms and his Contemporaries – Vol. 1’ heißt diese CD aus dem Hause Hänssler Classic ganz lapidar. Dahinter steht allerdings ...
show full description »
Brahms and his Contemporaries Vol. I - Johannes Brahms, Alexander Zemlinsky, Robert Fuchs
‘Brahms and his Contemporaries – Vol. 1’ heißt diese CD aus dem Hause Hänssler Classic ganz lapidar. Dahinter steht allerdings eine durchdachten Werkzusammenstellung, die darauf ausgerichtet ist, die musikalischen Verbindungslinien einer expliziten Wiener Komponiertradition zu beleuchten, wie sie bislang so nicht thematisiert wurde: Als Ausgangspunkt haben sich der junge Cellist Johannes Moser und der Pianist Paul Rivinus die 1886 in Wien uraufgeführte Sonate Nr. 2 F-Dur op. 99 von Johannes Brahms gewählt, und den Blick von ihr aus über die unmittelbare Zeitgenossenschaft hinaus auf ein Weiterwirken in die nachfolgenden Komponistengenerationen schweifen lassen, nämlich zur Sonate Nr. 2 es-Moll op. 83 (1908) von Robert Fuchs und zur Sonate a-Moll (1894) von Alexander Zemlinsky, um dadurch die Einflüsse der ‘kompositorischen Instanz’ Brahms zu verdeutlichen.
Dass dieser klingende musikgeschichtliche Diskurs eine außergewöhnliche Umsetzung erfährt, ist auf Anhieb hörbar. Denn Moser geht bei seiner Wiedergabe der Brahmschen Sonate von Extrempositionen des Ausdrucks aus: Er verleiht vielen Passagen des Kopfsatzes eine ungewohnte, fast schon gespenstische Nervosität, mit der er die Musik vorantreibt – ein Impuls, den auch Rivinus in den von Repetitionen gesättigten Klaviersatz einbringt. Was zunächst irritieren mag, entpuppt sich in der Folge als durchdachter Kunstgriff: Eher selten habe ich das erste Thema in solch überdeutlicher Artikulation und – über Crescendi und Decrescendi – dynamischer Ausformung hören können. Selten entwickelt die Musik daher jenen Drang nach vorne, den sie in dieser Interpretation erhält.
Extrempositionen des Ausdrucks prägen aber auch den langsamen Satz, in dem der nervös-fiebrige Drang des Kopfsatzes sein ausdrucksmäßiges Pendant findet. Auch hier demonstriert Moser seine enorme Wandlungsfähigkeit in Bezug auf die Tongebung, die vom fahlen und fast gehauchten Klang im äußersten Piano bis hin klangvollen Pizzicato und zum exaltierten Forte-Espressivo reicht, während der dritte Satz vor allem vom Impuls gebenden, rhythmisch geprägten Spiel lebt und das Finale schließlich fast entspannt wirkt.
Die Interpretation der leider viel zu selten gespielten es-Moll-Sonate von Fuchs ist von Anfang an eher auf die lyrischen Momente der Musik ausgerichtet. Dies wird bereits im Kopfsatz deutlich, der den melodischen Aspekt auch in kompositorischer Hinsicht in den Vorgrund stellt, ohne jedoch in einigen Passagen auf dramatische Untertöne ganz zu verzichten, die sich teilweise bis zur Emphase steigern – einem Ausdruck, der dann im Finale die Oberhand erhält. Der nuancenreiche Vortrag von Moser und Rivinus erreicht vor allem im langsamen Mittelsatz einen Höhepunkt, wo die deklamatorischen Elemente der Musik feinsinnig nach außen gekehrt werden.
Zemlinskys erst 2005 publizierte und hier erstmals eingespielte Sonate fordert dem Duo schließlich ein hohes Maß an Können ab. Der Kopfsatz gibt sich voller unterschwelliger Leidenschaft, Moser und Rivinus sind hier präzise im Ausdruck, offenbaren zudem eine modifikationsfähige Dynamik und Tempowahl, die auch im melodisch intensiven Mittelsatz und in dem bisweilen sehr dichten, stellenweise aber auch beinahe sphärischen Finale zur Geltung kommt, dessen Musik sie am Ende fast unspektakulär ins Nichts ausklingen lassen. Hier macht sich ganz besonders die außerordentlich gute Balance zwischen den Instrumenten bemerkbar, da trotz eines sehr dicht komponierten Klaviersatzes das Violoncello nie verdeckt wird, wozu Aufnahmetechnik und Klangqualität sicherlich einen Teil beitragen.
Mein Fazit ist sehr positiv: Moser erweist sich als äußerst talentierter, technisch wie intonatorisch ungemein sicherer Musiker mit großem Gespür für die gewählte Musik und höchst individuellem Zugang zu den jeweiligen Kompositionen, Rivinus ist ihm exzellenter, weil aufmerksamer, nachgiebiger und musikalisch wie technisch ebenbürtiger Duopartner mit starkem eigenständigem Profil. Klanglich und musikalisch überzeugt das Duo durch ein hervorragendes Zusammenspiel, das dem anderen viel Raum lässt. Die Produktion damit einen intelligent musizierten Blick auf Zusammenhänge und Traditionen und vermittelt einen runden Gesamteindruck, der auch vom Booklet unterstrichen wird, in dem sich der Cellist im Gespräch über die eingespielte Werkwahl äußert.
Dr. Stefan Drees, 11.06.2007
« hide full description